Geschichte: Weihnachtstraum

Die Nacht vor Weihnachten hat für mich schon seit Kindertagen etwas magisches an sich...Bei uns war es Brauch, dass die gesamte Familie bereits einen Tag vor Heiligabend im Hause meiner Großeltern zusammen kam. Es wurden die letzten Geschenke verpackt, gemütliche Zeit vor dem Kamin verbracht und am Abend zusammen gekocht.

Doch der Höhepunkt eines jeden Jahres war das Aufstellen unseres Weihnachtsbaums.

Seit dem ich mich erinnern kann hatte diesen unser Vater am Tage vor Heiligabend selbst im Wald geschlagen. Ich weiß noch als kleines Kind habe ich mir jedes Jahr, auf seine Rückkehr wartend, ungeduldig die Nase am Fenster platt gedrückt. Besonders sind mir die Male in Erinnerung geblieben, an denen er dick ein gemummelt und mit einer noch dickeren Schneeschicht auf Bart und Kleidung aus dem Wald gestapft kam. Er hatte unseren Baum über die Schulter geworfen und sah, meiner Meinung nach, aus wie der leibhaftige Nikolaus.

An einem dieser Weihnachten, als die Welt wohlig weich in Schnee gehüllt war, Zimtgeruch das gesamte Haus erfüllte und ich die Eisblumen am Fenster zählen konnte, haben wir den Baum erst spät am Abend herein geholt. 
Mein Großvater der den alten gusseisernen Baumständer, er erzählte immer, dieser wäre noch von seinen eigenen Urgroßeltern, vom Dachboden geholt hatte, half meinem älteren Bruder und meinem Vater den noch tropfnassen Baum in dem Ständer zu befestigen. Dazu muss man sagen, der Ständer ist nicht nur alt, er sieht auch so aus und funktioniert auch so. Die ehemals rote Farbe ist schon seit langer Zeit abgeplatzt und nur noch Reste sind zu sehen. Die Schrauben wurden zwar jedes Jahr von meinem Großvater liebevollst aufs neue geölt und von Rost befreit, aber den Baum gerade aufzustellen war schon immer reine Nervensache. Jeder Versuch meiner Eltern, meinen Großeltern einen neuen, modernen Baumständer zu schenken, wurde mit einer Handbewegung zunichte gemacht. Mein Großvater bestand in jedem Jahr auf diesen, uralten, Ständer. 
Nun könnte man denken, nachdem der Baum stand, würde er auch noch am selben Abend von uns geschmückt werden. Das gesamte Haus wurde festlich geschmückt, überall hatte meine Großmutter bereits Tannenzweige angebracht, rote Kugeln blitzten, selbst Kerzen wurden von uns Kindern aufgestellt. 
Doch der Baum blieb, wie in jedem Jahr, leer. 
Die Wohnzimmertür wurde, kurz bevor alle in ihre Betten gingen, von meinem Großvater mit einem uralten Schlüssel verschlossen. Diesen nahm er selbst mit ins Bett und verstaute ihn gut unter seinem Kopfkissen. Jeder von uns ging mit dem Wissen ins Bett, dass am Morgen wenn alle erwachten nicht nur wir Kinder, sondern auch die Erwachsenen es nicht mehr würden abwarten können, bis mein Großvater nach dem Frühstück den gusseisernen Schlüssel hervorziehen und die Wohnzimmertür wieder öffnen würde.
Ich weiß noch wie ich als kleines Mädchen diesen Zauber das erste mal selbst, mit wachem Verstand, miterlebt habe. Ich war geradezu überwältigt von dem aufs festlichste geschmückten Baum der uns in mitten des Raumes erwartete. Überall brannten echte Kerzen und jedes Jahr reflektierte sich ihr Schein in anderem, buntem, Baumschmuck. Näher betrachtet waren dies ehrwürdig wirkende, handgeschnitzte Figuren, große Glaskugeln, Nüsse, Engel, Girlanden aus Watte, Zuckerwerk oder fein ziselierter Metallschmuck. In einem Jahr habe ich sogar eine ganze, hölzerne, Teddybär Familie ausmachen können.

Natürlich haben meine Brüder und ich in jedem Jahr versucht herauszufinden wie es kommen kann, dass der Baum sich wie von Zauberhand selbst schmückt. Zuerst haben wir nach Fußspuren und nach versteckten Türen gesucht. Dann nach dem Versteck, in dem sich, nach unserer Meinung, der ganze Baumschmuck auffinden lassen würde. Wir haben sogar den Keller und den Dachboden durchwühlt, doch wir sind nie fündig geworden. Mit den Jahren und dem Wissen, dass alljährlich unsere Eltern und nicht das Christkind unsere Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt haben, haben wir dann natürlich meine Großeltern im Verdacht gehabt. Doch selbst nächtliche Überwachungsversuche haben nie einen greifbaren Beweis hierfür geliefert, wahrscheinlich daher, weil wir immer irgendwann total übermüdet eingeschlafen sind.

Wir wurden älter, hatten unser eigenes Leben und sind nur noch selten an Weihnachten zu meinen Großeltern aufs Land gefahren. Der Zauber blieb, aber andere Dinge wurden wichtiger. Ich habe meinen Mann kennengelernt. Wir haben Weihnachten mit Freunden oder auch bei seinen Eltern verbracht...
und irgendwann verstarben meine Großeltern.

Mein Großvater hatte testamentarisch festgelegt, dass das Haus in Familienbesitz bleiben müsse und so fuhr ich zur Weihnachtszeit, das erste Mal seit dem Tod meiner Großeltern, wieder aufs Land. Ich hatte gerade erst erfahren dass ich schwanger war und daher wollten mein Mann und ich ein ruhiges Weihnachtsfest, fernab vom Trubel und im Gedenken an meine Großeltern, im Schnee verbringen. Wir hatten wenig Gepäck dabei, aber dafür einen großen Weihnachtsbaum mit von mir selbst sorgfältig ausgewähltem Baumschmuck. 
Ich musste etwas suchen, bis ich den alten Baumständer gefunden hatte. Er lag, zusammen mit dem alten Wohnzimmertürschlüssel, in eine abgenutzte rote Samtdecke eingewickelt im Schlafzimmer meiner Großeltern. Fast so als wäre er dort für mich abgelegt worden. 
Den Schlüssel ließ ich liegen, denn es war ja keiner da, vor dessen Augen wir den Baum hätten schützen müssen.
Wir richteten uns häuslich ein und schmückten unseren Baum noch am Vorabend von Weihnachten, bevor wir zusammen zu Bett gingen.

In dieser Nacht, hatte ich unruhig Träume, mir war als hätte ich leise Stimmen und sachtes Knarren der Dielen auf dem Dachboden gehört. Ich bildete mir sogar ein Glas zerspringen zu hören, bevor ich am Morgen erwachte... Ich schüttelte mich... alles nur ein Traum...
aber als wir, um nach dem Kaminfeuer zu schauen, an diesem Weihnachtsmorgen ins Wohnzimmer kamen, trauten wir unseren Augen kaum.

Unser Baum leuchtete in aller Pracht, noch viel schöner als ich ihn aus Jugendtagen in Erinnerung hatte. Die echten Kerzen glitzerten und ihr Schein spiegelte sich auf großen Glaskugeln wieder, die mit kleinen Glasfigürchen um die Wette strahlten. Mir stockte der Atem.
Mein eigener Weihnachtsbaumschmuck lag neben dem Baum, sicher aufgestapelt und daneben, eine sorgfältig zusammengelegte, aber zerbrochene, Kugel...

Noch heute stehe ich am Fenster, doch nicht mehr mein Vater ist es, der den Baum aus dem Wald herein bringt. Es ist mein eigener Mann der aussieht wie der Nikolaus und es ist meine kleine Tochter, die sich zusammen mit mir die Nase an der Scheibe platt drückt. Wir haben in jedem Jahr ein volles Haus, da auch meine Brüder mit ihren Familien und meine eigenen Eltern wieder, wie in jedem Jahr unserer eigenen Kindheit, am Tag vor Weihnachten hier eintrudeln. In Gedenken an meinen Großvater habe ich selbst meinen Brüdern nichts von meinem vorweihnachtlichen Traum erzählt und freue mich jedes Jahr aufs neue auf ihre Gesichter, wenn die Wohnzimmertür sich öffnet...

© Barbara Hollinger

Ich wünsche euch wunderschöne, besinnliche Weihnachten mit euren Lieben!

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